Stricken ist für mich keine Entspannungstechnik. Das sage ich gleich zu Beginn, weil ich diesen Satz so oft höre und so wenig damit anfangen kann. Natürlich kann Stricken entspannend sein, aber das ist eine Nebenwirkung, kein Ziel. Was mich am Stricken wirklich interessiert, ist etwas anderes: das Verstehen. Zu begreifen, was da gerade zwischen den Nadeln passiert, warum eine Masche so liegt wie sie liegt, und was man tun kann, wenn sie es plötzlich nicht mehr tut.
Genau darum geht es bei slow but sure.
Wie es angefangen hat
Ich werde regelmäßig gefragt, ob es irgendwo einen Strick-Treff gibt. Einen Ort, an dem man sich trifft, gemeinsam strickt, einfach so, ohne Agenda. In Schwerin gibt es so etwas wahrscheinlich, aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass der Aufbau mühsamer ist, als man denkt. Ich habe es selbst versucht, saß etliche Male alleine da und habe irgendwann aufgehört.
Was mich aber an der Frage beschäftigt hat, ist die Sehnsucht dahinter. Es geht nicht darum, die neueste Wolle zu zeigen oder die fertigsten Projekte zu präsentieren. Es geht darum, nicht alleine zu sitzen. Jeder für sich, aber niemand alleine. Das ist ein Unterschied, den ich gut kenne, weil Selbstständigkeit oft genau so klingt: man macht vieles für sich, aber man sitzt eben auch oft genug alleine.
Der zweite Gedanke, der dazu kam: Meine Community ist nicht in meiner Stadt. Sie ist überall. Also warum nicht online?
Den Namen hat übrigens mein Mann geliefert, ohne es zu wissen. Er sagt „slow but sure“ einfach so, in ganz normalen Alltagssätzen. Als ich es das erste Mal in diesem Zusammenhang hörte, wusste ich sofort, dass es das richtige Wort ist. Langsam, aber sicher. Kein Wettbewerb, keine Trends, keine Parade. Einfach stricken.

Was Stricken wirklich mit uns macht

Es gibt einen Moment in meinen Workshops, auf den ich immer warte. Meistens kommt er, wenn jemand zum ersten Mal eine Masche wirklich anschaut, statt sie einfach abzustricken. Wenn jemand versteht, warum eine rechte Masche so aussieht wie sie aussieht, und was das bedeutet, wenn sie plötzlich anders aussieht. In diesem Moment ändert sich etwas. Die Person hört auf, der Anleitung zu folgen, und fängt an zu verstehen.
Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist es aber nicht. Wer nicht versteht, was er tut, kann nichts korrigieren. Wer einem Muster blind folgt, ist beim nächsten Fehler aufgeschmissen und startet beim nächsten Projekt wieder von vorne. Wer hingegen begreift, wie ein Strickstück aufgebaut ist, wie eine Masche aussehen kann und was passiert, wenn etwas schiefgeht, der ist plötzlich in der Lage, selbst zu entscheiden.
Und das verändert nicht nur das Stricken. Es verändert, wie man an Handarbeit herangeht, wie viel Geduld man mit sich selbst hat und wie oft man ein halbfertiges Stück wirklich zu Ende bringt, statt es in der Schublade verschwinden zu lassen.
Anleitungen folgen ist nicht dasselbe wie Stricken verstehen
Ich bekomme das Feedback immer wieder, zum Beispiel zum Pier-Workbook, meiner Anleitung für eine Mütze nach Maß. Menschen schreiben mir, dass sie zum ersten Mal wirklich verstanden haben, wie eine Maschenprobe funktioniert und wie man daraus eine Mütze berechnet, die wirklich passt, unabhängig vom Garn und vom eigenen Strickstil. Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis davon, dass die Anleitung nicht sagt „stricke 80 Maschen an“, sondern erklärt, warum es 80 Maschen sind und wie man diese Zahl für sich selbst herausfindet.
Der Unterschied ist kleiner, als er klingt, aber er verändert alles. Wer weiß, warum er 80 Maschen anschlägt, weiß auch, was er tun muss, wenn das Garn ein anderes ist, die Nadeln größer sind oder die Anleitung einfach nicht zu den eigenen Maßen passt. Wer hingegen einfach 80 Maschen anschlägt, weil es so dasteht, steht beim nächsten Projekt wieder am Anfang.
Das klingt vielleicht streng, ist aber das Gegenteil davon. Es geht nicht darum, Stricken komplizierter zu machen, als es ist. Es geht darum, es so weit zu vereinfachen, dass man irgendwann keine Anleitung mehr braucht, um loszulegen. Oder zumindest keine, die man blind befolgen muss.
In meinen lokalen Workshops in Schwerin versuche ich das von Anfang an zu vermitteln. Nicht „stricke diese Masche so“, sondern „schau, wie diese Masche aussieht, und erkenne, warum“. Nur wer das gesehen hat, kann einen Fehler später selbst finden, und noch wichtiger: selbst beheben.
Was das alles miteinander zu tun hat
Man könnte jetzt denken, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ein Community-Treffen und ein Anspruch an Handwerk, das klingt nach zwei verschiedenen Dingen. Aber ich glaube, es ist dasselbe.
Wer gemeinsam strickt, stellt Fragen. Wer Fragen stellt, fängt an zu verstehen. Wer versteht, was er tut, strickt anders. Und wer anders strickt, hat plötzlich Projekte, die passen, Fehler, die er selbst beheben kann, und keine halbfertigen Stücke mehr in der Schublade, die irgendwann weggeworfen werden, weil niemand wusste, was da schiefgelaufen ist.
Stricken ist, wenn man so will, eine Praxis des genauen Hinschauens. Man kann es ausführen, ohne hinzuschauen, so wie man viele Dinge im Leben ausführen kann, ohne wirklich dabei zu sein. Aber wenn man es wirklich versteht, wenn man sieht, wie eine Masche entsteht, wie ein Stück wächst, wie ein Fehler passiert und wie er sich rückgängig machen lässt, dann ist da plötzlich etwas anderes. Eine Art Aufmerksamkeit, die sich schwer beschreiben lässt, aber die man sofort kennt, wenn man sie einmal erlebt hat.
Das ist es, was ich mit „slow but sure“ meine. Nicht langsam im Sinne von mühsam, sondern langsam im Sinne von bewusst. Und sicher im Sinne von: man weiß, was man tut.

Was Slow but Sure konkret ist
slow but sure ist kein Kurs und kein Workshop. Es ist ein monatliches Online-Treffen, kostenlos, ohne Programm, das man absitzen muss. Manchmal gibt es eine kurze Einheit zu einem Thema, manchmal einfach gemeinsame Strickzeit mit Gespräch. Es gibt keine Anmeldepflicht für jedes Treffen, keine Erwartungen und keine Projekte, die man zeigen muss.
Das Ziel ist nicht, dass alle am Ende mehr können. Das Ziel ist, dass niemand alleine sitzt.
Wer dabei sein möchte, kann sich hier einfach unverbindlich anmelden: Zur Anmeldung
Und wer tiefer einsteigen möchte, zum Beispiel in die Frage, wie man mit jeder Wolle stricken kann ohne sich an eine Anleitung zu klammern, findet dazu diesen Artikel auf meinem Blog: Kann ich eigentlich alles aus jeder Wolle stricken? Wer danach noch mehr möchte, findet das Pier-Workbook, meine Schritt-für-Schritt-Anleitung für eine Mütze nach Maß, hier: Zum Pier-Workbook
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