Gerade stricke ich ein Shirt, und ich muss gestehen, dass ich dabei einen Fehler gemacht habe, den ich eigentlich längst nicht mehr machen sollte. Die Wolle hatte ich vor langer Zeit gekauft, in einem Moment, in dem ich dachte: die hebe ich auf, die verwende ich irgendwann für etwas Schönes. Dieser Moment ist jetzt. Das Problem: Die Wolle hat nicht gereicht, denn der Garnverbrauch ist höher als ich angenommen hatte.

Nicht ein bisschen zu wenig. Deutlich zu wenig. Ich musste nachbestellen, und ich hatte schlicht Glück, dass es das Garn überhaupt noch gibt, weil solche Sachen verschwinden aus dem Sortiment, manchmal über Nacht. Alles gut gegangen, aber der Moment, in dem ich gemerkt habe, was schiefgelaufen ist, hat mich kurz innehalten lassen. Nicht weil ich gescheitert bin, sondern weil mir klar wurde, wie leicht dieser Fehler passiert, und wie wenig die meisten darüber nachdenken.

Maschenprobe

Der Fehler, den fast alle machen

Die Anleitung für mein Shirt gab einen Garnverbrauch für meine Größe von 200 bis 250 Gramm an. Ich hatte 200 Gramm zuhause, dachte „das reicht schon“ und fing an. Was ich dabei übersehen habe: Der Garnverbrauch in Gramm ist nur die halbe Information. Die andere Hälfte ist die Lauflänge, also wie viele Meter Garn in diesen 200 Gramm stecken.

Das Garn, für das die Anleitung geschrieben wurde, hatte eine Lauflänge von 235 Metern pro 50 Gramm. Mein Garn hatte 200 Meter pro 50 Gramm. Auf den ersten Blick klingt das nach einem kleinen Unterschied. In der Praxis bedeutet es folgendes: Vier Knäuel des Anleitungsgarns ergeben 940 Meter. Vier Knäuel meines Garns ergeben 800 Meter. Das sind 140 Meter weniger, und bei einem Shirt fällt das auf.

Der Fehler war nicht, das falsche Garn zu kaufen. Der Fehler war, nicht auf die Lauflänge zu schauen.

Lauflänge beachten um Garnverbrauch zu berechnen

Was Lauflänge bedeutet und warum sie wichtiger ist als das Gewicht

Die Lauflänge, manchmal auch als LL abgekürzt, steht auf jedem Garnknäuel auf dem Etikett. Sie gibt an, wie viele Meter Garn sich auf dem Knäuel befinden. Diese Zahl ist das, was beim Stricken tatsächlich verbraucht wird, nicht das Gewicht.

Zwei Garne können identisch schwer sein und trotzdem völlig unterschiedliche Lauflängen haben. Ein dickeres Garn hat mehr Material pro Meter, also weniger Meter für dasselbe Gewicht. Ein dünnes, luftiges Garn hat wenig Material pro Meter, also viele Meter für dasselbe Gewicht. Wenn eine Anleitung sagt „du brauchst 400 Gramm“, meint sie damit eigentlich eine bestimmte Meterzahl, die sich aus der Lauflänge des empfohlenen Garns ergibt. Wer ein anderes Garn nimmt, muss diese Meterzahl selbst ausrechnen.

Das ist keine komplizierte Mathematik. Wenn die Anleitung 400 Gramm eines Garns mit 200 Metern pro 100 Gramm vorsieht, braucht sie 800 Meter. Wenn das eigene Garn 150 Meter pro 100 Gramm hat, braucht man dafür knapp 535 Gramm. Wer nur auf die Gramm schaut und 400 Gramm kauft, fängt mit einem Drittel zu wenig Garn an.

Warum dieser Fehler gerade beim Garnverbauch so häufig passiert

Der Grund ist eigentlich simpel: Das Gewicht steht groß auf dem Etikett, manchmal sogar direkt auf dem Knäuel aufgedruckt. Die Lauflänge steht oft klein daneben, in Klammern, mit einem kleinen „m“ dahinter. Wer nicht weiß, worauf es ankommt, schaut auf das Offensichtliche.

Dazu kommt, dass die meisten Anleitungen den Garnverbrauch in Gramm angeben, nicht in Metern. Das ist nachvollziehbar, weil es einfacher kommunizierbar ist. Aber es ist eben nur die halbe Information, und wer die andere Hälfte nicht kennt, kann damit nichts anfangen.

Und dann ist da noch etwas, das ich aus eigener Erfahrung kenne: das stille Vertrauen darauf, dass es schon passen wird. Manchmal schleicht sich dieses Gefühl ganz leise ein, ein kleines Zögern beim Abzählen der Knäuel, ein kurzer Gedanke, der sich schnell wieder verabschiedet. Und dann denkt man: ach, das wird schon passen. Surprise: es passt meistens wirklich nicht. Gerade wenn man in der Menge begrenzt ist, die man zur Verfügung hat, lohnt es sich, genau einmal mehr hinzuschauen, statt auf das Bauchgefühl zu vertrauen. Das Bauchgefühl will Stricken. Die Lauflänge will Genauigkeit. Beides gleichzeitig geht, wenn man weiß, worauf man achten muss.

Angaben zum Garn auf der Banderole

Was du beim nächsten Mal anders machen kannst

Bevor ich zum Abschluss komme, möchte ich dir trotzdem einen konkreten Gedanken mitgeben, auch wenn dieser Artikel kein Schritt-für-Schritt ist.

Schau beim nächsten Garnkauf nicht nur auf das Gewicht, sondern auf die Meterzahl. Wenn eine Anleitung den Garnverbrauch in Gramm angibt, rechnest du mit der Lauflänge des Anleitungsgarns aus, wie viele Meter du insgesamt brauchst. Dann schaust du auf die Lauflänge deines Garns und rechnest zurück, wie viele Gramm du davon kaufen musst. Das ist eine Rechnung, zwei Minuten, und sie kann dir einen Nachbestellstress ersparen.

Ob das Garn noch erhältlich ist, wenn du merkst, dass es zu wenig ist, kannst du nämlich nicht beeinflussen.

Was als nächstes kommt

Solche Themen, also wie man Garnverbrauch wirklich berechnet, was die Maschenprobe damit zu tun hat und wie man Anleitungen so liest, dass man sie wirklich versteht, sind genau das, womit ich mich gerade intensiv beschäftige. Ich entwickle aktuell einen Online-Kurs, der genau diesen Ansatz durchgehen wird: Stricken nicht als Abfolge von Schritten, sondern als etwas, das man wirklich begreifen kann.

Wer nicht so lange warten möchte, ist bei Slow but Sure gut aufgehoben: einem kostenlosen monatlichen Online-Treffen, bei dem ich solche Themen ausführlich erkläre und Fragen beantworte. Hier kannst du dich anmelden.

Und wer als erstes erfahren möchte, wann der Kurs startet, meldet sich am besten für den Newsletter an, kein Spam, kein Hustle, nur Handarbeit mit Verstand: Ab zum Newsletter.

Bei Instagram nehme ich dich in meinen Strickalltag mit.

Hinweis: In diesem Beitrag sind Marken sichtbar. Ich wurde weder beauftragt noch bezahlt, diese zu zeigen.